Der etwas andere Krimi:
WARNKES TOMATENFLECK
von Axel Zierer

Warnke saß mutterseelenallein im Restaurant, das in seiner schmucklos-modernen Ausstattung mehr einer Bahnhofshalle glich. Er senkte seinen Kopf über den Suppenteller. Verdammt heiß, die Brühe. Wieso bist du nicht zu Heinz in seine Pommesbude gelatscht, tadelte er sich selbst. Dort wäre er wenigstens in Gesellschaft anderer Messer- und Gabelverächter. Er fühlte förmlich den kritischen Blick des Kellners auf sich und seine Tomatensuppe gerichtet. Man führt den Löffel zum Mund, nicht umgekehrt!, schoss ihm die mütterliche Ermahnung durch den Kopf. Jetzt bloß nicht ... natürlich! Schon wieder... Der Tomatenfleck wirkte auf der blütenweißen Tischdecke wie ein hässlicher roter Pickel auf glatter Stirn. Warnke sah aus den Augenwinkeln, wie der Kellner seine Augenbrauen hob und unwillig zur Seite blickte. Ein Polizeibeamter, der nicht mal sudelfrei seine Suppe löffeln konnte - wie wollte ein solcher Kasper wichtige Fälle lösen? Wenn der wüsste, wie er schon als Kind genannt wurde: Kleckerweltmeister. Ein feiner Mann werde ich wohl nie, resümierte er in finaler Resignation und schob den Teller von sich. Der Kellner räumte ihn mit süffisantem Lächeln ab, sein Blick verweilte dabei eine Spur zu lange auf dem Tomatenfleck, den die Serviette nur unzulänglich verdeckte.

Durchdringendes Sirenengeheul brachte plötzlich Leben in die beklemmende Stille. Aufgeregt stürzte der Koch aus der Küche und riss sich Schürze und Mütze vom Leib. „Feueralarm! Ich muss sofort los. Brandmeister! Freiwillige Feuerwehr!!“ Er glühte vor Erregung. Sein hochroter Kopf erinnerte Warnke unangenehm an sein Missgeschick auf der Tischdecke. „Ja, und mein Steak?“ - „Später! Kommen Sie gleich mit, Herr Kommissar, vielleicht werden Sie gebraucht!“ – „Wie, mitkommen? Soll ich über die Schläuche wachen?“ Warnke bleckte die Zähne über den eigenen Scherz. Überdies ließ er sich ganz gern als Kommissar ansprechen.

Der Brandort befand sich gleich um die Ecke in der Bahnhofstrasse in einem leerstehenden Gebäude, einer ehemaligen Bäckerei. Aus dem Obergeschoß drang heftiger Qualm, ein Fenster stand sperrangelweit offen. Die Feuerwehrleute rollten die Schläuche aus. Was sollte er hier? Es brennt ja nicht mal richtig. Sein Magen knurrte vernehmlich, er nahm die Unterbrechung des Mittagsmahls offensichtlich übel. Wie aufs Stichwort erschien der Koch. Warnke hätte ihn in seiner Feuerwehrkluft beinahe nicht erkannt. Er hielt ihm ein Paar alte Schuhe unter die Nase: „Was sagen Sie dazu, Herr Kommissar? Das Haus steht schon seit Jahren leer. Trotzdem standen diese Latschen vorm Seiteneingang! Wenn das kein Indiz ist!“

Indiz wofür? Warnke konnte mit der Entdeckung nichts anfangen. „Die Treter müssten dringend besohlt werden, mehr kann ich nicht erkennen.“ Der Koch ließ nicht locker. „Und wenn jemand ins Haus gegangen ist und vorher die Schlappen ausgezogen hat?“ Tsss! Wer zieht sich denn die Schuhe aus, bevor er in diese mehlige Bude geht? „Der Brandstifter vielleicht,“ schob der Koch nach. Warnke wandte sich kopfschüttelnd ab. Plötzlich stürzte aus der offen stehenden Eingangstür ein junger Mann heraus und drängte an ihm vorbei. Blitzschnell packte Warnke zu und nahm den Jungen in den Schwitzkasten. „Was hast du in dem Gebäude zu suchen?“ Der Junge wehrte sich heftig und trat um sich. „Loslassen!! Lassen Sie mich sofort los!!“ Warnke rief zwei weitere Blauröcke heran, die in einiger Entfernung rauchend vor der ehemaligen Spukbonn-Kneipe standen. „Festhalten, den Knaben!“ Er wandte sich an den Jungen: „Ich mache jetzt einen Kontrollgang durchs Haus! Überleg dir inzwischen, was du dort zu suchen hattest.“ – „Ich begleite Sie!“ Der Koch stellte die alten Indiz-verdächtigen Schuhe ab und zeigte auf Warnkes Oberhemd: „Sie haben da einen Blutfleck, Herr Kommissar!“ Warnke reagierte unwisch, denn er wusste sofort, dass der Fleck nur von der Tomatensuppe stammen konnte. Das zuzugeben wäre jetzt allerdings unter seiner Ehre gewesen. „Geb’ ich nachher in die Kriminaltechnische Untersuchung, sollen die ermitteln. Erst mal schau’ ich mich im Haus um. Hab’ da so eine Ahnung ...“ Wenig später stand er zusammen mit dem Koch in einem Zimmer mit ein paar alten Möbeln, sah aus wie Sperrmüll. Es war gleich neben dem Raum, in dem das Feuer ausgebrochen war.

Na bitte! Warnke war stolz auf seine Spürnase. Im hintersten Winkel, vor einem alten Sofa, lag eine nackte Person. Soviel er im schummrigen Licht und in respektvollem Abstand erkennen konnte, steckte in ihr kein Leben mehr, dafür zwischen ihrem prächtigen Busen ein überlanges Brotmesser: „Grausig!!“ Der Koch schaute Warnke über die Schulter. „Ist sie tot?“ – „Stop! Keine Spuren verwischen!“ Warnke hielt den Koch ab, den Raum zu betreten. „Rufen Sie erst einen Arzt!“

„Wozu noch einen Arzt?“ Der Bestatter tauchte hinter Warnke auf und warf einen kurzen Blick auf die Leiche. „Die Kleine ist mausetot, mit ein bisschen Feingefühl sieht man das sofort! Und überhaupt. Welcher Weißkittel hat denn Dienst?“ - Typische Kleinstadtprobleme, die Notdienstzentrale war vierzig Kilometer entfernt. „Hübschen Blutfleck hast du da auf der Brust, Kommissar! Der Leiche ein bisschen zu nah gekommen?“ Warnke quittierte die Feststellung mit einem vernichtenden Blick. Wer ihn überhaupt gerufen hätte, wollte er vom Bestatter wissen.  „Was weiß ich? Meine Frau war am Apparat.“ Warnke hakte nach: „Und der Name vom Anrufer?“ Die Fragerei ging dem Bestatter sichtbar auf den Senkel: „Hör mal, unser Job setzt Pietät voraus. So veranstalten wir bei Anruf kein Quiz, sondern ich fahr los! Im Übrigen leck mich quer!“ Ehe Warnke darauf etwas erwidern konnte, war der Bestatter wieder verschwunden. Dafür meldete sich der Koch aufgeregt: „Die Schuhe! Sie trägt keine Schuhe! So weit ich von hier erkennen kann!“ Er war vor Aufregung über seine Entdeckung wieder knallrot angelaufen: „Ob ihr die alten Schlappen gehören?“ Warnke reagierte genervt. „Das ermittle ich alles, wenn der Arzt hier war.“ - Inzwischen kam der Bestatter mit einem Sarg zurück. „Sagt mal ... hier riecht’s irgendwie seltsam. Nach – äh Currysauce. Unser Brandmeister hat wohl aus Gewohnheit die falsche Flasche geschüttelt? Törnt dich die Aussicht auf ihr Brustfleisch so an?“ Er lachte laut über seinen schrägen Einfall. Der Koch winkte pikiert ab, was den Bestatter erst recht anfeuerte. „Komm, Küchenbulle, hilf mir mal. Allein krieg ich die Kiste nicht auf... Vermutlich liegt ein Zuhälter drin.“ Wieder schallte sein wieherndes Lachen durch den dämmrigen Raum. Warnke hingegen reagierte gereizt auf den derben Humor. „Hier wird gar nichts eingetütet. Erst schaut sich der Arzt die Leiche an. Ohne Totenschein läuft hier nix.“ Der Bestatter blieb gelassen. „Ok. Ich habe jede Menge anderes zu tun!“ Im Abgehen schlug er den Koch kräftig auf die Schulter: „Also! Vergiß nicht, mir ein bisschen von der prächtigen Brust aufzuheben. Mit Currysoße!“, brach er erneut in schallendes Gelächter aus. „Ja, in meinem Beruf darf der Spaß nicht zu kurz kommen. Sonst drehste irgendwann durch.“

Auf der Treppe stieß er beinahe mit den beiden Blauröcken zusammen, die mit dem Jungen im Polizeigriff erschienen. Triumphierend hielt der eine einen Brandbeschleuniger hoch. „Schauen Sie mal, Herr Kommissar, habe ich bei dem Kerl gefunden. Ich bin sicher, dass er damit das Feuer gelegt hat. Die Gaschromatograph-Untersuchung zur Identifizierung des Stoffgemisches steht zwar noch aus, aber...“ Warnke winkte unwirsch ab. „Das ist ein Grillanzünder, den benutze ich selbst auch. Beweist gar nichts.“ -  Inzwischen meldete der Koch in seiner Eigenschaft als Brandmeister, dass das Feuer gelöscht sei. Er würde jetzt wieder zur ursprünglichen Arbeit eilen. Falls Warnke das Essen fortsetzen wolle... Doch Warnke war der Appetit auf sein Steak vergangen. „Wo bleibt denn bloß der Arzt“, schrie er entnervt. Das schien wie ein Stichwort für den Jungen. Er riss sich los und warf sich auf die Tote. „Heidi! Heidi!“ Seine plötzliche Verzweiflung löste bei den Anwesenden großes Erstaunen aus. „Ach! Du kennst die Verblichene?“, folgerte Warnke messerscharf. – „Heidi ist tot, mein Gott, sie ist tot!!“ --- „Und?? Warst du das? Hast du sie getötet?“, fragte Warnke bohrend nach. -- Der Junge warf sich erneut auf die Tote, als ob er sie glatt bügeln wollte und schluchzte: „Neiiiin! Sie ist... sie war ...meine Freundin!!“

Aha! Warnke sah die Zeit zur Attacke gekommen. „Sie wollte wohl nicht so, wie du wolltest?“ - Der Junge reagierte entsetzt. „Wie kommen Sie denn darauf?“ – „Ganz einfach. Ich denke, sie ließ dich nicht ran, es kam zum Streit, und zack, hast du sie abgestochen wie ein Spanferkel vorm Schlachtefest.“ Der Junge schüttelte verängstigt den Kopf. Warnke erhöhte die Schlagzahl. „Die Indizien sind eindeutig. Du hast sie mit dem Messer getötet und wolltest dann mit dem Feuer die Spuren beseitigen.“ Der Junge zitterte vor Empörung. „Nein, so war’s nicht“, rief er protestierend. „Ich geb’ ja zu, ich war hier. Aber sie war schon leblos, als ich sie fand. Sie müssen mir glauben!“ Er ließ von der Toten ab und warf sich Warnke vor die Füße. „Bitte“, schrie er händeringend, „bitte! Glauben Sie mir, ich habe keinen Mord begangen.“ Warnke blieb unerbittlich. „Du hättest zum Theater gehen sollen. Aber mir spielst du hier nichts vor! Ich hab dich durchschaut. Die kriminaltechnischen Untersuchungen an den Tatgegenständen werden deine Schuld beweisen!“ Siegessicher blickte Warnke die beiden Blauröcke an, die weiter ungerührt eine Lulle nach der anderen qualmten. Der Junge rappelte sich hoch. Tränen flossen über seine Wangen: „Sie haben Recht, Herr Oberkommissar! Ich gebe es zu!!“ -- Warnke frohlockte. Na also! Der Koch rang sich ein anerkennendes Murmeln ab. Warnke wandte sich an die Blauröcke. „Bringt ihn zur Wache in die Herzog-Johann-Albrecht-Straße! Das Protokoll erstelle ich später.“

Ein breites Grinsen stand plötzlich im Gesicht des Jungen: „Warten Sie! Ich gebe ja zu. Sie hatten Recht, Herr Kommissar! Ich meine, als Sie sagten, ich sollte zum Theater...“ Warnke schaute etwas verwirrt zum Koch: „Reif für die Klapsmühle!“ Der Junge lachte. „Nein, nein, reif fürs Staatstheater! Meine Freunde meinten zwar, meine Idee sei total bescheuert, darauf fiele heutzutage kein Schwein mehr herein... aber wie man sieht...“

Er nahm kurz Anlauf und trat mit aller Kraft gegen den Kopf der Toten. Der gewaltige Kick trennte den Schädel vom Rumpf und schleuderte ihn krachend gegen die Wand. Von dort trudelte er vor Warnkes Füße. Der Junge nahm grienend den Kopf in die Hand und hielt ihn Warnke vors Gesicht: „Schauen Sie, Herr Kommissar! Kein Blut, bloß Ketchup! Nur schade um die schöne Schaufensterpuppe! Jetzt so ganz ohne Kopf!“

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