Die Geschichte einer Beatband

In den sechziger Jahren gab es gefühlt hunderttausend Beatbands in Deutschland. Erstmals in der Geschichte dieses Landes griffen Massen von Heranwachsenden nicht zu den Waffen, sondern zu den Instrumenten. Zum Leidwesen der älteren Generation waren dies nicht Geige oder Flöte, sondern E-Gitarre und Schlagzeug. Dazu verfügten die meisten weder über eine musikalische Ausbildung noch über sonderliches Talent zum Musizieren. Dieses Defizit wurde jedoch durch unbändigen Enthusiasmus, Liebe zur Sache und hohe Lautstärke wettgemacht. Der Beatboom lieferte große Namen, bekannte Songs und Vorgaben, die Massen eiferten nach und imitierten. Insgeheim hoffte wohl jede Beatband auf den kleinen oder großen Durchbruch. Die Aussicht auf Ansehen, Erfolg und das große Geld motivierte ungemein. So traten die Gruppen klaglos unter teils abenteuerlichen Bedingungen auf und spielten in Kneipen, Schützenhäusern und Kellerlokalen der Republik.

Überwiegend bestand das Repertoire aus Coverversionen der vergötterten Vorbilder. Nur wenige Bands hierzulande schufen eigene Songs, ganz wenigen gelang der Sprung in die Hitparaden. Doch Ende der Sechziger ging dem Beat allmählich die Frischluft aus - wie den meisten Musikstilen, die sich irgendwann etabliert hatten. Der Enthusiasmus von 99.000 Bands kapitulierte vor der rauen Wirklichkeit. Schule oder Ausbildung waren beendet, neue Lebensziele lockten und veränderten die Welt der Beatmusiker. Discjockeys legten jetzt Platten auf und ersetzten die Mucker alter Schule. Der Veranstalter sparte dabei nicht nur die Gagen für die Bands, sondern auch den aufwändigen und platzraubenden Bühnenaufbau.

Die Protagonisten der Beatgeneration sind heute zumeist in Rente. Was bleibt, ist der Blick zurück auf das damalige Lebensgefühl. Unter dem Eindruck des Vietnamkrieges war eine gewaltfreie Gegenbewegung entstanden mit Hippies, Blumenkindern, freier Liebe und langhaarigen Gammlern im friedlichen Bewusstsein: „Make love, not war!“ Parallel dazu führten verkrustete Lebensentwürfe der älteren Generationen in der 68er-Bewegung zu politischen Umwälzungen, die sich später in stürmischen Zeiten zu umfangreichen gesellschaftlichen Reformen weiter entwickelten.

Unsere eigene Beatband existierte von 1966-1969, nannte sich „Early Birds“ und hatte das Los der weniger begabten Formationen zu tragen. Die Early Birds lösten sich zur selben Zeit auf, als die Landung auf dem Mond erfolgte. Von unserem Ende erfuhr die große Welt allerdings nichts. 2015 befragte ich meine früheren Mitspieler nach ihren Erinnerungen an eine Zeit, als die Zugehörigkeit zu einer Beatband für Selbstwertgefühl sorgte. Ihre Schilderungen stehen exemplarisch für eine weitgehend unbeschwerte Jugend ohne große Anspruchshaltung, darüber hinaus zeugen sie von leidenschaftlicher Identifikation mit dem Musikstil und dem Spaß am gemeinsamen Musizieren.

Erinnern und Erleben lösen dieselben Empfindungen aus, die Gegenwart konkurriert mit der Vergangenheit. Folglich ein Bad von Emotionen und Gefühlen...

Video - Laufzeit 23 Minuten, 368 MB
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8.März 2017 -
Norbert "Nobi" Tusche, unser Bassist, stirbt nach langer und tapfer ertragender Krankheit.
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40 Jahre später: LATE BIRDS ... klick